Elguja Dadunashvili
Der vorliegende Teil der Studie befasst sich mit den Nartenfiguren im dagestanischen Erzählrepertoire[1]. Unter dem Namen „Narten“ wird ein mythisches Heldengeschlecht verstanden, dass in den mündlichen Überlieferungen der nordkaukasischen Völker thematisiert wird. Der Nartenepos gilt als einer der zentralen Erzählstoffe, insbesondere in der mündlichen Tradition der Osseten, Kabardiner, Adygeer, Abchasen sowie der Karatschaier und Balkaren. Nach bisherigen Beobachtungen verliert das Thema „Narten“ bei anderen Teilen der nordkaukasischen Bevölkerung allmählich an Popularität und wird eher marginal dargestellt (Gippert 1999:1210).
Traditionell werden drei Kriterien herangezogen, um eine Verbindung zwischen einer mündlichen Überlieferung und dem Nartenepos zu identifizieren:
1. Eine oder mehrere Figuren in der Geschichte tragen den kollektiven Namen "Nart".
2. Die Protagonisten besitzen spezifische Eigennamen, die typischerweise nur im Kontext des Nartenepos vorkommen (z. B. Batradz, Chammitz, Satana, Sosruqo).
3. Als drittes Kriterium gilt der Nachweis einer endemischen, ausschließlich für das Nartenepos charakteristischen Handlung, es sei denn, diese Handlung wird mit fremdgenannten Figuren dargestellt.
In der vorliegenden
Studie setzen wir uns mit der Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem
Nartenepos und Märchen auseinander und untermauern diese Überlegungen mit
vergleichbarem Material.
Ein zentraler Aspekt ist dabei die Klärung folgender Frage: Gehört die
Geschichte ausschließlich zu der betreffenden Figur, oder teilt diese Figur
ihre Geschichte mit anderen, darunter auch kaum personalisierten Märchenfiguren?
Entsprechend diesem Ziel beschäftigt sich die vorliegende Studie zunächst mit der Lokalisierung der Nartenfiguren sowie sogenannter konstitutiven Sujets im dagestanischen Erzählgut und bietet eine systematische Beschreibung dieser Beispiele im Zusammenhang mit internationalem Märchentypen.
Die Studie ist als ein offenes System konzipiert, das kontinuierlich durch zusammengetragene Fakten sowie daraus entwickelte Anmerkungen und Beobachtungen erweitert wird.
Derzeit ist folgende Struktur der gesamten Studie vorgesehen:
· Einführung
· Status und Funktionen der Nartenfiguren
· Reflexionen und Analyse
· Zusammengefasste Textquellen
Es ist nicht auszuschließen, dass die Studie im Zuge der Einbeziehung weiterer Quellen und Regionen neu strukturiert wird.
ATU 304 – Der gelernte Jäger
Die Narten übernehmen die Rolle von sieben Riesen. Während die Riesen in klassischen Märchenvarianten meist als Usurpatoren auftreten (mit der Absicht, die Schöne für sich zu gewinnen), treten dieselben Figuren in diesem dagestanischen Märchen eher als falsche Helfer auf. Dennoch teilen sie am Ende dasselbe Schicksal wie die Riesen in der klassischen Variante (zyx_cr_ava_rus_10)[2].
ATU 303A – Brüder suchen Schwestern als Ehefrauen
Der Nart spielt die Rolle des Unholds. Im Gegensatz zu klassischer Variante des Märchens wo der Unhold die Braut des jüngsten Bruders an sich reißt, entwickelt sich die Beziehung zwischen dem Helden und dem Ungeheuer wesentlich anders. Der Ungeheuer nimmt der Held unter seiner Gewalt (?) und beauftragt ihn, ihm eine schwer zu erringende Schöne herbeizuholen (zyx_cr_ava_rus_177||zyx_cr_ava_rus_5).
ATU 300A Drachenkampf auf der Brücke
Drei Narten fungieren als Antagonisten, die vom Helden auf einer Brücke besiegt werden. Im Gegensatz zu anderen Beispielen dieses Typs zeigt die dagestanische Variante eine schlüssige Motivation für die Begegnung des Helden mit den Antagonisten. Der Grund dafür liegt in dem Diebstahl von Fohlen aus dem königlichen Stall, für den die Narten verantwortlich gemacht werden (zyx_cr_ava_rus_8).
ATU 552 Tierschwäger
Drei Narten in Gestalt von Wolken entführen die frisch vermählten Frauen dreier Brüder. Der jüngste Bruder sucht die Hilfe seiner Narten-Schwäger, besiegt die Entführer nacheinander und kehrt mit den von ihm zurückeroberten Frauen heim (zyx_cr_ava_rus_117).
ATU 301 – Die drei geraubten Prinzessinnen
Dank des Tabubruchs befreite Nart entführt die Braut des Helden. Der Nart wird verfolgt und entweder in einem Zweikampf oder durch die Vernichtung seiner außerhalb des Körpers befindlichen Seele (ATU 302 – Herz des Unholds im Ei) getötet. Die Frau wird aus seiner Gewalt befreit und zurückgebracht (zyx_cr_ava_rus_132; zyx_cr_ava_rus_7; zyx_cr_ava_180|| zyx_cr_ava_3).
EbBo279 Gute Frauen – böse Frauen
Drei Narten töten den Bräutigam und die Brüder einer Frau, um die sie sich einst vergeblich beworben hatten. Die in Männerkleidung verkleidete Frau rächt sich nacheinander an den Narten für die Ermordung ihrer Angehörigen (zyx_cr_ava_rus_118).
ATU 315A – Hirt und die drei Riesen
ATU 321 – Augen der Blinden zurückgebracht
Der Nart übernimmt die Rolle des Riesen, der die fruchtbarste Weidefelder besitzt oder auch den Adoptiveltern des Helden ihr Augenlicht gewaltsam entnommen hat. Der Held besiegt den Antagonisten in einem einfachen Zweikampf (zyx_cr_khv_rus_4), oder der Nart wird aufgrund seiner besonderen Neigung zum Wettkampf zum Opfer: Er lässt sich ins Eis festfrieren und wird dadurch eine leichte Beute des Helden (zyx_cr_ava_rus_132). Die letzte Episode gilt als konstitutive Heldentat des Narten Sosriqo.
ATU 550 Vogel, Pferd und Königstochter
Die Narten spielen die Rolle unfreiwilliger Stifter, indem sie ihrer Mutter notwendige Informationen über die Beschaffung des Reittieres preisgeben. Nachdem die Narten früh am Morgen aufgebrochen sind, leitet die Mutter diese Informationen an den im Verborgenen wartenden Helden weiter (zyx_cr_ava_rus_112 || zyx_cr_ava_rus_4; zyx_cr_ava_rus_191).
ATU 465 – Mann wird wegen seiner schönen Frau verfolgt
Die Narten sind die Besitzer eines wunderbaren Gegenstandes, der als „клюк“ bezeichnet wird. Dieser Gegenstand kann sowohl zur Beschaffung von Nahrung als auch als siegreiche Waffe eingesetzt werden. Dennoch werden die Narten von den Bewohnern der Umgebung als Usurpatoren angesehen. Der Held bringt den Gegenstand dem auftraggebenden König und wird daraufhin von seinen Pflichten entbunden (zyx_cr_ava_rus_129).
ATU 650A Starker Hans
Der Nart gilt als Besitzer des fehlenden Ackerlandes. Der Usurpator beauftragt den Helden, die Felder zu erschließen, was zwangsläufig zu einem Konflikt mit dem Besitzer des Gutes führt (zyx_cr_dar_rus_2).
ATU 552 Tierschwäger
Drei Narten, die zunächst in Tiergestalt erscheinen, werben um die drei Schwestern des Helden. Im Gegensatz zu seinen älteren Brüdern bleibt der Jüngste dem Auftrag des verstorbenen Vaters treu und willigt ein, die Schwestern den Tieren zur Frau zu geben. Die Schwager, die sich später in Nartengestalt verwandeln, helfen dem Helden dabei, andere Narten zu besiegen (zyx_cr_ava_rus_117; zyx_cr_ava_rus_180|| zyx_cr_ava_rus_3).
ATU 318 - Das ägyptische Brüdermärchen
In diesem Märchen gibt es zwei Narten: den Vater als Stifter und den Sohn als Helfer. Die Erzählung folgt einer diffusen Struktur. Die Frau des Helden verliert ihr goldenes Haar, wodurch der Antagonist erfährt, wo sie wohnt, und eine Hexe zu ihr schickt. Diese Hexe bringt die Frau dazu, ihrem Mann den Auftrag zu erteilen, gegen einen mächtigen Riesen zu kämpfen.
Auf dem Weg zum Riesen begegnet der Held dem Sohn-Nart, der sich aufgrund einer Verletzung, die er im Kampf gegen ein Ungeheuer erlitten hat, nicht zu seinem Vater zu gehen wagt. Der Held vermittelt zwischen dem Sohn-Nart und seinem Vater-Nart und versöhnt sie. Daraufhin zeigt der Sohn-Nart dem Helden den Weg zum Riesen und setzt einen Marker, der anzeigt, wenn der Held in Gefahr geraten sollte.
Kurz bevor der Held einen Wettkampf mit dem Riesen bestreiten will, erscheint der Sohn-Nart mit einer schlechten Nachricht: Das Zeichen hat angezeigt, dass die zu Hause zurückgelassene Frau des Helden überfallen wurde. Der Gegner des Helden schließt sich daraufhin der Freundschaft an, und gemeinsam ziehen die drei in den Kampf gegen den Entführer. Das Märchen endet mit dem Sieg der Verbündeten (zyx_cr_khv_rus_6).
ATU 327A Hänsel und Gretel
Der Nart tritt als scheibare Stifter auf, der dem kinderlosen König ein Mittel zur Fortpflanzung übergibt. Im Gegenzug fordert er einen der Söhne für sich. Der Held überlistet den Nart und verbrennt ihn im Ofen (vgl. Typ A). Zusätzlich zu dem Empfängnismittel sollte der Nart einen Zauberring besitzen, der den Töte zum Leben erwecken kann (zyx_cr_ava_rus_104).
ATU 560 Zauberring
Ein Nart, der eine heimliche Liebesbeziehung mit der Frau des Helden pflegt, übernimmt die Rolle des Antagonisten in diesem Märchen. Gemeinsam mit ihr stiehlt er den Zauberring, der dem Helden zuvor beim Werben um die Frau geholfen hatte. Mithilfe des magischen Rings wünschen sie sich mitsamt den Reichtümern des Helden auf eine entlegene Insel. Den Helden lassen sie schutzlos zurück (zyx_cr_khv_rus_11).
ATU 449 – Sidi-Numan
Die Narten sind sieben Liebhaber der Frau von Sidi-Numan. Sechs von ihnen werden nacheinander geköpft, während der siebte verletzt überlebt. Dieser verbleibt als konspirativer Liebhaber der Schwester der Frau von Sidi-Numan, die den Helden beauftragt hat, das Geheimnis aufzudecken (zyx_cr_ava_rus_186).
ATU 1640 Tapferes Schneiderlein
Narten werden als einfältige Riesen dargestellt, der von einem schwachen, aber scharfsinnigen Helden leicht überlistet werden. Sie stehen entweder in der Kraftprobe dem Helden gegenüber, oder stellen die Riesen dar die dem König terrorisieren (zyx_cr_ava_rus_13; zyx_cr_ava_rus_189; zyx_cr_dar_rus_173; zyx_cr_dar_rus_29).
ATU 550 Vogel, Pferd und Königstochter
Der jüngste Bruder wird überall im Text als Nart bezeichnet, wenn seine ältere Brüder oder andere Familienangehörige keinerlei Bezug zu diesem Namen haben (zyx_cr_dar_rus_84).
Die Analyse des dagestanischen Märchenrepertoires zeigt eine verkehrte Projektion moralischer Werte zwischen den Narten und anderen handlungstragenden Figuren. In dagestanischen Märchen ist der Nart wie üblich das Gegenteil von jenem, der in derselben Geschichte anderer Völker als namentlich erwähnter Nart erscheint. Dies gilt nicht nur für Geschichten mit internationaler Verbreitung, sondern auch für endemische Erzählungen. Ein typisches Beispiel dafür ist die Wettkampfszene zwischen dem positiven Helden und dem Antagonisten. Nach dem für das Nartenepos charakteristischen Szenario lässt ein Hirt seine Herde auf fremde Felder weiden. Diese führt zum Konflikt zwischen dem Hirten und dem Riesen als Besitzer der Weide. Der Hirt versucht, den Riesen zu überlisten und provoziert ihn einige Kraftproben zu bestehen. Die letzte Probe besteht in der Befreiung des bis zum Hals im Eis festgefrorenen Körpers. Der Riese, der an der Probe scheitert, wird zur leichten Beute des Hirten. Die gesamte Episode mit mehr oder wenig geänderte Nuancen wird zwei oder dreimal innerhalb einer Erzählung wiederholt.
Ähnliche Geschichten mit namentlich benannten Hirten werden gewöhnlich der Nartenfigur Sosriqo zugeschrieben. Der ossetische Nartenepos kennt ebenfalls namentlich erwähnte Riesen: Mukara und Bibiz. Im Gegensatz dazu tritt der siegreiche Held im dagestanischen Märchen als namenloser Hirt auf, während der „Nart“ als Epitheton der besiegten Antagonisten (der Riesen) verwendet wird (siehe: zyx_cr_ava_rus_132).
Wie oben angedeutet, wird das „Narten-Epos“ in der dagestanischen Folklore gewöhnlich als ein allmählich geschwächtes Entlehnungsprodukt aus anderen nordkaukasischen Kulturen wahrgenommen. Die Entwicklung dieses Prozesses wird üblicherweise als eine Degradierung des von den Zentren zu den Peripherien verlagerten Epos beschrieben. Hierzu ein Zitat aus einer der traditionellen Auffassungen: „Während sich das Nart-Epos in den Süden des Nordkaukasus bewegt, kommt es zu einer allmählichen Abschwächung und Vergessenheit des Narten-Epos, das seinen Lied- und Märchencharakter verliert und sich in eigenartige Geschichten über die Narten verwandelt, die teilweise noch den genetische Charakter (?- E.D.) des Epos bewahren.“
„Wenn die Nart-Legenden sich den Grenzen von Dagestan nähern, verlieren sie ihre traditionelle Besonderheit. Sie existieren unter den Kumyken weiterhin in Form von heroischen und epischen Liedern von Yyr (Genre der Volksmusik von Kumyken – E.D.) und in Form von magischen und abenteuerlichen Geschichten. Im bergigen Dagestan wird das Narten-Epos zu Märchen wiedergeboren, was bei den Helden der Nart-Legenden einen Eindruck hinterlässt, der das Wesen des Erscheinungsbildes der Narten verändert.“ (Далгат 1957: 174).
Klare Kriterien zur Bestimmung der Distanz zwischen den zentralen und marginalisierten Formen des Epos fehlen bislang. Der Übergang der Existenzform von heroischen Liedern hin zu Märchen kann nicht als Zeichen der Degradierung der Nartenfiguren gewertet werden. Vielmehr handelt es sich um eine Anpassung dieser Figuren an den unterschiedlichen weltanschaulichen Werten der jeweiligen Erzählgemeinschaften.
Das Thema der Narten wird in einer Erzählgemeinschaft in Märchen eingebettet, während in einer anderen Gemeinschaft Geschichten über die Nartenfiguren nach epischer Struktur organisiert werden. Entscheidend für eine solche Wahl ist der Zusammenhang zwischen den moralischen Vektoren (a) dem Gegenstand (Thema) der Dichtung, (b) dem Held der Dichtung und (b) der Erzählgemeinschaft.
Der moralische Vektor des Helden der Dichtung dient als Maßstab für die Beurteilung aller anderen Handlungen in der Geschichte. Er entspricht dem Ideal der Erzählgemeinschaft und ruft Empathie bei den Zuhörern hervor. Stimmt der moralische Vektor des Objekts der Dichtung mit dem gesellschaftlichen Ideal überein, wird das Objekt der Dichtung zum Helden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein Märchen oder ein Epos handelt – in solchen Fällen ist eine Unterscheidung nahezu unmöglich.
Weicht der moralische Vektor des Objekts jedoch vom heroischen Ideal der Gesellschaft ab, kann das Objekt nur die Rolle einer Nebenfigur übernehmen. Diese Rolle eignet sich besonders für Figuren im Märchen, die keine gemeinsame Welt (wie einen Clan oder eine Familie) mit dem Helden teilen. Solche Figuren treten häufig als Antagonisten oder als Vertreter der durch Heirat mit dem Helden verbundenen Familie auf.
Während im ersten Fall das Objekt (Nart-Antagonist) ausschließlich destruktiv handelt, kann eine außerhalb des Clans stehende Figur im zweiten Fall eine positive Funktion übernehmen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Auftritt von drei Nartenfiguren in der Rolle der Tierschwäger im Märchen ATU 552 („Tierschwäger“). Diese Figuren erscheinen zunächst in Tiergestalt und werben um die Hand von drei Schwestern. Nur der jüngste der Brüder willigt ein, dass ein Tier seine Schwester heiratet, und sichert sich damit die Unterstützung seiner Schwäger.
Auf der Suche nach den von einem anderen Narten-Antagonisten entführten Frauen wendet sich der Held nacheinander an seine Schwäger und erhält ihre Unterstützung (siehe: zyx_cr_ava_rus_117; zyx_cr_ava_rus_180; zyx_cr_ava_rus_3).
Im Märchen ATU 550 („Vogel, Pferd und Königstöchter“) tritt der Nart ebenfalls als Akteur aus einer fremden und unfreundlichen Welt auf. Er verfügt über entscheidende Informationen darüber, wo sich das gesuchte Zauberross befindet und wie es in den Besitz des Helden gelangen kann. Die Fremdheit und die daraus resultierende Unfreundlichkeit zwischen dem Besitzer der Information und dem Helden wird durch den Trick deutlich, den der Held anwendet, um Zugang zu den Riesen bzw. Narten zu erhalten. Der Held nähert sich schleichend der spinnenden Mutter der Riesen und saugt überraschend an ihrer Brust. Dadurch wird er zum Milchkind der Frau und damit auch zu ihrem Schützling. Die Mutter der Narten sorgt mit großer Vorsicht dafür, dass der Held die dringend benötigte Information erhält (vgl. zyx_cr_ava_rus_112, zyx_cr_ava_rus_4, zyx_cr_ava_rus_191).
Die vorliegende Betrachtung des spezifischen Umgangs mit der gesamt-kaukasischen Narten-Thematik im dagestanischen Märchenrepertoire eröffnet neue Perspektiven für die Erforschung einiger bislang ungelöster Fragen, insbesondere der Frage nach der Herkunft des Epos.
Wie die vorbereitenden Arbeiten zeigen, gehören die Sammlung, Annotation und vergleichende Analyse von Texten mit sowohl starkem als auch abgeschwächtem Bezug zum Narten-Thema zu den zentralen Aufgaben der kaukasiologischen Folkloristik. Dabei ist Folgendes von entscheidender Bedeutung: Während der Sowjetzeit wurde Folklore als mächtiges ideologisches Instrument genutzt. In diesem Zusammenhang waren gezielte Manipulationen und Verfälschungen authentischer Textquellen keine Ausnahme. In den Publikationen jener Zeit finden sich häufig gegenseitige Manipulationsvorwürfe unter Folkloristen verschiedener ethnischer Herkunft, die bemüht waren, ihre jeweilige Ethnie als ursprünglichen Träger der nationalen Sagen darzustellen (vgl. Гадакатль 1987, 21–39). Diese Vorwürfe verdeutlichen, wie gravierend das Problem ist und mit welcher wissenschaftlichen Präzision wir die Textquellen behandeln müssen.
vgl.: zyx_cr_ava_rus_112 || zyx_cr_ava_rus_4:
In diesem Märchen übernehmen die Brüder Naten eine Funktion des Stifters. Sie verfügen über Informationen zu dem gesuchten Objekt (dem Reittier, vgl. ATU 550 Vogel, Pferd und Königstochter). Der Held darf sie nicht persönlich treffen, sondern erhält diese Information von ihrer Mutter, die sie zu seiner Mutter gemacht hat.
Ein armer junger Mann, der als Schäfer arbeitet, erschlägt eines Tages mit einem Schlag vierzig Fliegen. Stolz auf diese Tat ritzt er die Worte „Zornig bin ich – vierzig erschlage ich“ auf seinen Stock und beschließt, die Schafherde zu verlassen, um sein Glück in der Welt zu suchen.
An einer Quelle entdeckt ihn ein Narte, liest die Inschrift auf seinem Stock und hält ihn für einen mächtigen Krieger. Voller Ehrfurcht erzählt er seinen Brüdern davon. Die Narten laden den jungen Mann ein, bei ihnen zu leben und ihr Anführer zu werden. Der junge Mann nimmt das Angebot an und genießt das respektvolle Leben unter den Narten.
Als ein großes feindliches Heer die Narten bedroht, schicken sie ihren vermeintlich mächtigen Anführer in die Schlacht. Widerwillig reitet der junge Mann los, doch sein Pferd trägt ihn unaufhaltsam mitten in die Feinde. Während er sich aus Angst an Bäume klammert, reißt er diese aus und vernichtet damit ungewollt das feindliche Heer. Die Narten feiern ihn daraufhin als ihren heldenhaften Retter (ATU 1640 Tapferes Schneiderlein).
Die Narten sind die drei Räuber, die das Königreich überfallen und verwüsten. Innen setzt der König den Helden aus dem Typ A1640 gegenüber. Diese Narten geraten in einen gegenseitigen Streit und bringen einander um. Der Held, der diese Szene aus dem Baum beobachtet, stellt alles so dar, als ob er der Sieger wäre.
Ein armer junger Mann, der als Schäfer arbeitet, erschlägt eines Tages mit einem Schlag vierzig Fliegen. Stolz auf diese Tat ritzt er die Worte „Zornig bin ich – vierzig erschlage ich“ auf seinen Stock und beschließt, die Schafherde zu verlassen, um sein Glück in der Welt zu suchen.
An einer Quelle entdeckt ihn ein Narte, liest die Inschrift auf seinem Stock und hält ihn für einen mächtigen Krieger. Voller Ehrfurcht erzählt er seinen Brüdern davon. Die Narten laden den jungen Mann ein, bei ihnen zu leben und ihr Anführer zu werden. Der junge Mann nimmt das Angebot an und genießt das respektvolle Leben unter den Narten.
Als ein großes feindliches Heer die Narten bedroht, schicken sie ihren vermeintlich mächtigen Anführer in die Schlacht. Widerwillig reitet der junge Mann los, doch sein Pferd trägt ihn unaufhaltsam mitten in die Feinde. Während er sich aus Angst an Bäume klammert, reißt er diese aus und vernichtet damit ungewollt das feindliche Heer. Die Narten feiern ihn daraufhin als ihren heldenhaften Retter (ATU 1640 Tapferes Schneiderlein).
In einem Dorf lebten zwei Brüder und ihre schöne Schwester, die wegen Streitigkeiten um ihre Hand mit den Brüdern in den Wald zog. Dort wurde sie durch ein unerklärliches Ereignis schwanger und gebar einen Sohn, Gwadarijos (=großgezogen in einer Mulde).
In derselben Region versprach ein grausamer Khan seine Tochter demjenigen, der in seine bewachte Turmburg eindringen konnte. Gwadarijos tötete sieben Narten, besiegte die Wächter der Burg und nahm Beweise für seinen Erfolg mit. Beim Khan bewies er seine Taten, forderte die Tochter für seinen Onkel und wurde selbst zum Khan ernannt.
Es war einmal ein gerechter Khan, der alles besaß aber keine Kinder. Ein Fremder versprach ihm zwei Söhne, wenn er eine Bedingung zustimme: Einer der Söhne müsse mit 15 Jahren in das Schloss des Fremden gehen. Der Khan akzeptierte und erhielt zwei goldhaarige Söhne. Als die Zeit kam, entschied er, den Sohn dem bösen, menschenfressenden Nart zu schicken. Der Junge warnte seinen Bruder, dass eine gefärbte Flüssigkeit, die aus seinem Pfeil tropfe, über sein Schicksal Auskunft geben würde: Milch bedeute Leben, Blut den Tod.
Auf dem Weg zum Schloss des Fremden, der sich als böser Nart entpuppte, erhielt der Junge von einem alten Mann den Rat, die Befehle des Narts zu verweigern und ihn schließlich in seinen eigenen Ofen einzuschließen. Der Khan-Sohn folgte dem Rat, besiegte den Nart und befreite eine schöne Frau sowie einen magischen Hengst aus dessen Schloss.
Er zog weiter, verbarg seine Herkunft und wurde als Hirte angestellt. Später heiratete er die jüngste Tochter eines anderen Khans, die ihn trotz seines niedrigen Standes liebte. Er bewies seinen Wert, indem er das Leben des Khans mit dem Fleisch eines seltenen Tieres rettete und in einem Krieg als rot gekleideter Held die Feinde besiegte. Seine Identität blieb jedoch verborgen.
Eifersüchtige Schwager lockten ihn in eine Falle und töteten ihn. Blut tropfte von dem Pfeil, den er einst in die Decke schoss, und warnte seinen Bruder, der sich auf die Suche machte. Der Bruder errettete ihn mithilfe eines magischen Rings aus dem Besitz des Narts, der Leben zurückgeben konnte. Dieses Zaubermittel händigt ihm das Mädchen aus, das von seinem Bruder befreit und dann zurückgelassen wurde. Wiederbelebt kehrte der Held zurück, offenbarte seine wahre Identität und bestrafte die Verräter. Schließlich lebte er glücklich mit seiner Frau und bewahrte den Ruhm seiner Familie.
Ein König hatte drei Söhne. Jeden Tag besuchten sie ihn, fragten nach seiner Gesundheit und warteten auf seine Befehle. Eines Tages bemerkten sie, dass ihr Vater niedergeschlagen war. Auf seine Erklärung hin, dass er von einem weißen Meeresross geträumt hatte, das über die Erde galoppierte und dann ins Meer zurückkehrte, schworen die Söhne, dieses Ross zu finden oder ihr Leben zu opfern.
Nach drei Tagen erreichten sie einen Wegweiser mit drei möglichen Richtungen. Der älteste Sohn wählte den sicheren Weg nach rechts, der mittlere nach links, während der jüngste sich für den gefährlichen Weg geradeaus entschied, da er das Glück suchte. Nach einer langen Reise fand der jüngste Sohn eine Spur, die ihn zu einem Wald und sieben Burgen führte, deren Tore mit menschlichen Köpfen geschmückt waren. Er trat in eine der Burgen ein und traf eine riesige Frau, die ihm zu seiner Mutter wurde. Sie erklärte, dass ihre sieben Söhne, die Narts, ihm möglicherweise bei seiner Suche helfen könnten.
Als die Narts zurückkamen, sagte der jüngste, dass er das Meeresross kenne, und gab ihm detaillierte Informationen über dessen Verhalten. Die Frau gab ihm daraufhin den Rat, das Meer zu erreichen, wo er das Ross finden sollte. Am Morgen gelang es dem Sohn, das Ross zu bezwingen, das ihm versprach, fortan sein Reittier zu sein.
Auf der Reise begegneten sie einem Licht, das von einem außergewöhnlichen Vogel stammt, dessen Feder der junge Mann für sich nahm. In einer Stadt angekommen, stellte sich heraus, dass das Licht von der Feder kam, was den König neugierig machte. Der König zwang den jungen Mann, ihm den Vogel zu beschaffen, was er nur unter Androhung seines Lebens tat.
Der weiße Ross half ihm erneut und führte ihn zu drei Vögeln, die in ein Mädchen verwandelt waren. Der Junge nahm das Gefieder der jüngeren Schwester, was sie zwang, ihm zu folgen. Auf dem Weg zurück begegneten sie dem König, der sofort die junge Frau heiraten wollte. Doch sie verweigerte es und gab ihm den Rat, in eine Milchgrube zu tauchen, um jung zu werden. Der König folgte dem Rat, aber er fand sich bald in einer Falle.
Der junge Mann holte die Frau und reiste weiter. Auf dem Weg traf er seine beiden Brüder, die nun in Armut lebten. Sie töteten den mutigen Bruder, indem sie ihn in eine tiefe Grube warfen, und versuchten, sein Pferd zu fangen. Doch der weiße Ross rettete den Jungen und führte ihn zurück zu seinem Vater.
Die Brüder, die die falsche Geschichte erzählten, mussten dem König die Wahrheit gestehen. Der junge Mann und die Frau heirateten schließlich, und die Brüder flohen vor dem Zorn des Königs. Am Ende feierte der König eine große Hochzeit.
Ein alter Mann hatte drei Söhne und drei Töchter. Vor seinem Tod bat er seine Söhne, seinen letzten Wunsch zu erfüllen: Sie sollten niemals jemanden abweisen, der um die Hand seiner Töchter anhält. Nach seinem Tod erfüllte der jüngste Söhne seinen Wunsch, obwohl die Töchter anfangs zögerten, den Heiratsanträgen von einem Adler, einer Taube und einem Falken zuzustimmen.
Später, als die Frauen von drei Narten in der Gestalt drei gewaltigen Wolken entführt wurden, machten sich die Brüder auf die Suche. Der jüngste Bruder entschloss sich, einen gefährlichen Weg zu gehen, während die anderen den sicheren Weg wählten. Schließlich fand er eine seiner Schwestern in einem Palast, wo sie von einem Nart, einem mächtigen Wesen, verheiratet war. Sie gab ihm Hinweise, wie er Hilfe von anderen Verwandten suchen konnte, die ihm bei seiner Mission zur Rettung der Frauen unterstützen würden.
Der jüngste Bruder reiste durch viele Gefahren und besiegte schließlich einen Riesen und einen Zauberer, die die Frauen seines Bruders gefangen hielten. Schließlich erreichte er den Palast des Zauberer-Narts, besiegte diesen ebenfalls und befreite seine Frau. Nachdem er alle Herausforderungen gemeistert hatte, kehrte er zurück, und die Brüder bedauerten, den einfachen Weg gewählt zu haben, anstatt dem mutigen Pfad ihres jüngeren Bruders zu folgen.
In einer Stadt Dagestans lebte ein berühmter Bakhartschi. Als tapfere Dschigiten spurlos verschwanden, wurde auch er unruhig. Eines Nachts rief ein Fremder ihn aus dem Haus. Auf Rat seiner Frau rüstete er sich vollständig und folgte dem Reiter schweigend zu drei Schlössern. Jedes Mal drang der Fremde hinein, Kampfeslärm erklang, und er kehrte mit blutiger Klinge zurück.
Am Morgen führte der Reiter den Bakhartschi zu den Gräbern und offenbarte sich als Frau. Sie erzählte, dass in der Nacht vor ihrer Hochzeit sie und ihre Brüder heimtückisch von drei Narten und deren Dienern überfallen wurden. Die Angreifer töteten ihre Brüder und ihren Verlobten. Die Narten waren ihr bekannt, da sie mehrfach um ihre Hand angehalten hatten, doch sie hatte sie stets abgewiesen. Nun hatte sie Rache für ihre Brüder und ihren Verlobten genommen. Im letzten Kampf jedoch wurde sie tödlich verwundet. Sie bat Bakhartschi, sie neben ihren Brüdern zu begraben, und starb.
Beim Bogenschießen trifft ein armer junger Mann einen der drei Tauben. Die verletzte Taube verspricht ihm großes Glück, wenn er sie am Leben lässt. Der junge Mann pflegt sie gesund.
Eines Tages verwandelt sich die Taube in eine wunderschöne Frau, die seine Frau wird. Sie webt prächtige Teppiche, die der Mann gewinnbringend verkauft. Der Khan wird auf die Teppiche und die Frau aufmerksam und versucht, die Frau für sich zu gewinnen, indem er den jungen Mann auf schwierige Missionen schickt.
Die Frau hilft ihrem Mann mit magischen Gegenständen wie einem fliegenden Teppich. Während einer seiner Aufgaben gelangt der junge Mann zu einem prächtigen Palast, wo er die Mutter und Schwestern seiner Frau, die ebenfalls Tauben waren, wiederfindet. Mit ihrer Unterstützung und der Hilfe einer magischen Krücke gelingt es ihm, die bösen Narten, die die Region terrorisieren, zu besiegen.
Am Ende gibt der Mann die magische Krücke dem Khan und wird reich belohnt. Der Khan lässt ihn in Ruhe, und der junge Mann lebt mit seiner Frau glücklich und in Frieden.
Eines Tages sperrte die Mutter seinen faulen Sohn namens Rakukirsch aus dem Haus aus, woraufhin er gezwungen war, die Welt zu erkunden.
Auf seiner Reise begegnete er einem riesigen Narten, den er mit Tricks überlistete. Rakukirsch täuschte Kraft und Mut vor, beispielsweise indem er frischen Käse ausdrückte, um vorzugeben, einen Stein zu pressen, und derart den Narten beeindruckte. Der Narten lud ihn in sein Haus ein, doch Rakukirsch benutzte auch hier List, um gefährliche Situationen zu überstehen und die Narten einzuschüchtern. Schließlich überzeugte er die Narten, ihn für einen mächtigen Helden zu halten, sodass sie fluchtartig ihr Haus verließen und ihm all ihren Besitz überließen.
Rakukirsch zog in das verlassene Haus der Narten ein, holte seine Mutter und später auch seine Frau zu sich, gründete eine Familie und lebte glücklich.
zyx_cr_ava_rus_132: Es war einmal ein armer Mann mit seinem Sohn, die nur einen abgemagerten schwarzen Hengst besaßen. Als sie nichts mehr zu essen hatten, verließen sie ihr Zuhause und suchten Arbeit. Schließlich wurden der Vater Hirte und der Sohn Stallknecht bei einem Khan. Der junge Stallknecht pflegte seinen schwarzen Hengst so gut, dass dieser bald kräftig und stark wurde. Der Khan hatte eine wunderschöne Tochter, in die sich der junge Mann verliebte – auch sie hegte Gefühle für ihn.
Als ein benachbarter Khan Krieg führte, kämpfte der Stallknecht heimlich mit seinem schwarzen Pferd für den Khan und besiegte die Feinde. Der Khan entdeckte schließlich, wer sein Retter war, und bot ihm seine Tochter zur Frau an. Nach der Hochzeit stellte die Tochter jedoch die Bedingung, dass er sie nicht berühren dürfe, solange es jemanden gäbe, der mutiger sei als er. Gekränkt machte sich der junge Mann auf die Suche nach Herausforderungen.
Er begegnete einem blinden Mann namens Ухай und zog in einen Kampf gegen einen mächtigen Nart, der die Augen des Blinden und die Nase dessen Frau gestohlen hatte. Nach einem harten Kampf besiegte er den Nart mit Hilfe seiner Frau, die ihm in letzter Sekunde das Leben rettete. Der junge Mann brachte Ухай dessen Augen und die Nase seiner Frau zurück. Zum Dank erzählte Ухай seine Geschichte, bevor sich die Wege trennten.
Der junge Mann kehrte mit seiner Frau nach Hause zurück. Der Khan übergab ihm sein Reich, und das Paar lebte glücklich. Ihre Söhne wurden wie der Vater, die Töchter wie die Mutter.
Es gab einen Khan mit vielen Söhnen, dessen Frau jedes Jahr Kinder bekam. Als sie zum fünfzigsten Mal schwanger wurde, war der jüngste Sohn alt genug, um zu heiraten, aber der älteste war noch nicht verheiratet. Die Söhne berieten sich und beschlossen, ihren Vater zu fragen, wann er sie verheiraten würde. Der Khan gab ihnen 49 Pferde, Waffen und Gold und schickte sie auf die Suche nach ihren zukünftigen Frauen. Vor der Abreise bat der jüngste Sohn, der Sulayman hieß, seine Mutter, einen weiteren Sohn nach ihm zu benennen, falls sie einen weiteren bekäme. Kurz darauf wurde ein neuer Sohn geboren, ebenfalls Sulayman genannt.
Der jüngste Sulayman wuchs stark und gesund auf, jedoch war ihm nicht bekannt, dass er 49 verschwundene Brüder hatte. Als er auf einen alten Blinden traf, erfuhr er von den verschwundenen Brüdern und wollte die Wahrheit wissen. Seine Mutter erzählte ihm schließlich alles, als er sie darauf ansprach, und gab ihm den Ring, den der ursprüngliche Sulayman hinterlassen hatte. Der junge Sulayman machte sich auf die Reise, um seine Brüder zu finden.
Nach langer Suche stieß Sulayman auf eine Gruppe von Kriegern, die sich ihm als seine Brüder entpuppten. Diese hatten nie geheiratet und lebten als Räuber. Sie schlossen sich ihm an, und Sulayman half ihnen, sieben Narten zu besiegen. Schließlich stoßt Sulayman auf eine Höhle, in der er 50 Schwester der von ihm getöteten sieben Narten fand. Sulayman befreite sie und kehrte mit den Mädchen und seinen Brüdern zurück.
Auf dem Rückweg trafen sie auf eine Festung, in der ein einäugiger Riese, der Vater der getöteten Narten und ihrer Schwestern, den Sulayman gefangen nahm. Der Riese, der Gadarober (Telleräugig ) hieß, machte Sulayman zu seinem Diener. Auf Befehl des Riesen holte Sulayman eine Schöne herbei. Diese spionierte das Geheimnis der externen Seele des Riesen aus und half Sulayman somit, den Riesen zu töten.
Ein Vater hatte drei Söhne und drei Töchter. Vor seinem Tod bat er seine Söhne, drei Nächte sein Grab zu bewachen und jedem Freier ihrer Schwestern, seien es auch Tiere, nicht abzusagen (ATU 552 – Tierschwäger). Nach seinem Tod bewachten die beiden älteren Brüder das Grab nicht wirklich. Der jüngste Sohn hingegen erfüllte die Aufgabe und erhielt nacheinander drei magischen Pferden (ATU 530 – Prinzessin auf dem Glasberg).
Später wurden die Schwestern von einem Wolf, einem Falken und einem Habicht als Ehefrauen genommen, wie es der Vater gewünscht hatte. Dann erfuhr der jüngste Bruder, dass der König des Westens seine Töchter demjenigen zur Frau geben würde, dessen Pferd über einen Turm springen könne.
Die Brüder hassten ihn wegen seiner Erfolge und planten, ihn zu töten. Bei einer Jagd fanden sie eine Höhle voller Schätze. Dort traf der jüngste Bruder auf einen neunköpfigen Drachen, den er nach einem harten Kampf besiegte. Später begegneten sie einem alten Mann, der verlangte, seinen Beutel mit Lügen zu füllen. Nur der jüngste Bruder bestand die Prüfung, indem er die Ohren des Drachen hineinlegte. Der jüngste Bruder wurde vom alten Mann gebeten, das Problem zu lösen, das seine Tochter betraf. Sie war seit sieben Jahren Grund für einen Streit zwischen einem mächtigen Drachen und einem Schwarzer Nart. Beide wollten die Tochter für sich beanspruchen, doch der alte Mann hatte sich vor beiden gefürchtet und sie keinem von ihnen überlassen.
In der Hoffnung, dass der Held seine Tochter vor dem Schwarzen Nart schützen könnte, willigt der alte Mann ein, dass der Held seine Tochter zur Frau nimmt. Auf dem Heimweg erscheint dem eingeschlafenen Helden der Nart in der Gestalt einer Wolke und entführt seine Braut (ATU 301). Der Held, unterstützt von seiner Tierschwäger und den besonderen Fähigkeiten des magischen Pferdes, gelingt es schließlich, den Nart zu besiegen (ATU 552 + 302C*) und die Frau zurückzugewinnen (ATU 301).
Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Als er starb, hörten die Söhne von einer Prinzessin, die nur denjenigen heiraten würde, der sie im Wettkampf besiegt. Der älteste Bruder machte sich auf den Weg, um sie herauszufordern. Auf seiner Reise traf er einen alten Mann, der ihm riet, mehr auf den Rat als auf die Prinzessin zu achten. Der Junge kämpfte, verlor jedoch und wurde geköpft.
Der mittlere Bruder machte sich ebenfalls auf den Weg, um nach dem ältesten Bruder zu suchen. Auch er traf den alten Mann, ignorierte dessen Rat und erlitt dasselbe Schicksal. Schließlich machte sich der jüngste Bruder auf, um das Schicksal seiner Brüder zu erfahren. Er traf wieder den alten Mann, der ihm diesmal beibrachte, während des Wettkampfs nicht auf die Prinzessin zu blicken, wenn sie ihre Brust zeigte. Der Junge befolgte den Rat und besiegte die Prinzessin.
Die Prinzessin gab ihm eine Aufgabe: Er sollte einen verlorenen Schuh zurückbringen. Der Junge reiste weit, fand einen märchenhaften Garten und ein Schloss. Dort traf er einen geheimen Feind und besiegte ihn. Nachdem er das Ziel erreicht hatte, bat die Prinzessin um Gnade und forderte ihn auf, ihren verlorenen Schuh zu finden.
Der Junge folgte der Herausforderung, begegnete dabei einer geheimen Macht, und auf seiner Reise traf er auf verschiedene magische Wesen, darunter ein mächtiger Adler, der ihm half. Der Junge erreichte schließlich das Ziel, um das Geheimnis der Prinzessin zu entschlüsseln, und wurde mit ihr vereint. Doch das Märchen endet mit einer schwierigen Prüfung, die die Beziehung von Balay und Boti betrifft und ein dunkles Geheimnis aufdeckt.
Die Geschichte von Balaj und Boti handelt von einem Mann namens Balaj, der mit seiner Frau Boti verheiratet ist. Zunächst leben sie in Harmonie, doch Balaj bemerkt, dass seine Frau nachts ungewöhnlich kalt wird. Er beobachtet sie heimlich und stellt fest, dass sie sich mit einem magischen Pferd, dem "Windpferd", davonmacht. Balaj folgt ihr mit einem weiteren magischen Pferd, dem "Wolkenpferd", und sie erreichen das Reich der Narts.
Dort sieht Balaj, wie seine Frau von sieben Narts, die wie Spielbälle mit ihr umgehen, misshandelt wird. Er rächt sich, indem er sechs von ihnen tötet. Der letzte Nart, ein junger Krieger, kämpft mit ihm, aber Balaj besiegt ihn, wobei seine Frau ihm dabei hilft, indem sie sich von ihm entfernt. Balaj jagt ihr hinterher, doch sie erreicht ihr Ziel zuerst, schlägt ihn mit einer magischen Peitsche und verwandelt ihn in eine Hündin. Er bleibt sieben Jahre bei den Schafen, bis sich Boti schließlich wieder in einen Menschen verwandelt.
Anschließend offenbart Balay dem Held, dass die von ihm erkämpfte Frau die Schester von Boti sei und dass sie der von ihm verwundete Nart heimlich bei ihr verbirgt.
Der heimgekehrte Held bringt das Geheimnis ans Tageslicht. Das treulose Mädchen und ihren Geliebte Narte werden bestraft.
Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Eines Tages fanden sie ihren Vater tief betrübt und fragten ihn, was geschehen sei. Der König erklärte, dass er einen merkwürdigen Traum gehabt habe, in dem ein weißes Pferd aus dem Meer sprang und die Erde dreimal umrundete, bevor es wieder im Meer verschwand. Die Söhne beschlossen, das Pferd zu finden, egal zu welchem Preis.
Sie machten sich auf den Weg und erreichten nach drei Tagen einen Wegweiser, der drei Richtungen anzeigte. Der ältere Bruder ging nach rechts, der mittlere nach links, und der jüngste entschied sich, geradeaus zu gehen, ohne zu wissen, ob er lebend zurückkehren würde. Er wanderte durch dichte Wälder. Schließlich entdeckte er eine Spur und folgte ihr.
Die Spur führte ihn zu einem merkwürdigen Ort mit sieben Türmen und einem Zaun aus Eisen, an dem menschliche Köpfe hingen. Er betrat das Gelände und fand eine riesige Frau, die ihm sagte, dass er ihr Sohn sei, weil er an ihre Brust mit seinen Lippen berührt hatte. Danach erzählte sie ihm von ihren sieben Söhnen, die als Narten auf Jagd waren. Sie riet ihm, sich zu verstecken, als die Söhne zurückkehrten, da sie ihn sonst töten würden.
Die Söhne kamen zurück, bemerkten den menschlichen Geruch, aber die Mutter überzeugte sie, dass es nichts Ungewöhnliches war. Als sie sich am Feuer stärkten, erzählte der jüngste Sohn der Riesin von dem Pferd, das aus dem Meer sprang und die Erde umrundete. Daraufhin gab sie dem Prinzen Hinweise, wie er das Pferd finden konnte.
Der Prinz reiste weiter und erreichte schließlich das Meer, wo er das magische Pferd fand. Nach einem dramatischen Wettlauf erlangte er die Kontrolle über das Pferd und wünschte sich, es in das Königreich seines Vaters zu bringen. Auf seiner Reise begegnete er einer wunderschönen Frau, die sich als die jüngste Tochter des Meereskönigs entpuppte. Nachdem er ihre magischen Federn gestohlen hatte, stimmte sie zu, mit ihm zu kommen.
Im Königreich angekommen, verliebte sich der König sofort in die junge Frau, doch sie verlangte, dass er sich verjüngen müsse, um sie zu heiraten. Der König erfüllte ihre Forderung mithilfe eines Zaubers, der ihn wieder jung machte. Doch als er sah, dass die Frau ihn an seine Jugend erinnerte, war er bereit, alles zu tun, um sie zu gewinnen.
Der König scheiterte aber beim Verjüngungsverfahren.
Der jüngere Bruder verabschiedet sich von den Bewohnern der Stadt und reitet mit der Prinzessin davon. Auf dem Markt trifft er seinen älteren Bruder. Der jüngere Bruder kauft ihm Kleidung, ein Pferd und Waffen, und sie fahren weiter. Bald finden sie auch den mittleren Bruder und helfen ihm ebenfalls. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg ins Königreich ihres Vaters.
Die beiden älteren Brüder, von Neid auf den jüngeren Bruder geplagt, schmieden einen Plan, ihn in einen Brunnen zu stürzen. Sie überreden ihn, mit ihnen zu einem Brunnen zu reiten, und als sie dort ankommen, stürzt der jüngere Bruder tatsächlich hinein. Die Brüder glauben, ihn für tot zu sehen, nehmen die Prinzessin mit und kehren zum König zurück, wo sie eine Lüge über den Verlust des Bruders erzählen.
Der König ist betrübt, doch die Prinzessin bleibt standhaft und weigert sich, einen der beiden älteren Brüder zu heiraten. Eines Tages sieht sie von ihrem Fenster aus einem weißen Hengst, der sie ansieht. Der Hengst erklärt ihr, dass der jüngere Bruder in den Brunnen gefallen sei und dass sie ihm helfen könne. Sie spaltet ihre Haare, flechtet ein Seil und rettet den Prinzen.
Der Prinz kehrt heim, und seine Brüder fliehen in unterschiedliche Richtungen. Der König freut sich über die Rückkehr seines Sohnes, und das ganze Land feiert. Der Prinz heiratet die Prinzessin (vgl.: zyx_cr_ava_rus_112 || zyx_cr_ava_rus_4).
Ein Khan hatte drei Söhne und eine Stute, die goldene Fohlen gebar, welche jedoch stets gestohlen wurden. Die Söhne versuchten, die Diebe zu entlarven, doch nur der jüngste, Muin, blieb wach. Er sah einen Dieb und konnte ihm einen Fohlenhuf entreißen. Die Brüder machten sich auf die Suche nach dem Dieb. Während die älteren Brüder zurückblieben, zog Muin weiter und besiegte drei mächtige Räuber (Narten), die auf gestohlenen Pferden ritten. Dabei befreite er drei gefangene Prinzessinnen, darunter die schönste, die er heiraten wollte.
Nach seiner Rückkehr wurde Muin von seinen neidischen Brüdern hintergangen, schwer verletzt und zurückgelassen. Er überlebte, schloss sich mit einem Blinden und einem Kahlköpfigen zusammen und lebte mit ihnen. Gemeinsam entführten sie eine Khanstochter, die ihnen im Haushalt helfen sollte.
Als das Feuer in ihrer Unterkunft erlosch, suchte die Khanstochter in einem Wald nach Feuer und stieß auf eine gefährliche Kreatur, eine Härtin. Von da an begann diese Härtin regelmäßig die Khanstochter zu besuchen, was weitere Probleme ankündigt.
Ein armer Bauernsohn, der hungerte, wurde Hirte bei einem reichen Mann, um dessen Schafe zu hüten. Während einer Pause sah er eine Fliegenschar und erschlug mit einem Schlag 40 Fliegen. Stolz schrieb er auf seine Hirtenstab: „Nart, der mit einem Schlag 40 tötet“, verließ die Schafe und zog fort.
Er traf auf eine Gruppe von 40 Narten, die ihn aufgrund der Aufschrift für einen mächtigen Kämpfer hielten. Sie baten ihn, sich ihnen im Krieg anzuschließen. Trotz seiner Unsicherheit stimmte er zu.
Während der Schlacht banden sie ihn an ein Pferd und schickten ihn gegen die Feinde. Aus Angst riss er versehentlich Bäume aus und schleuderte sie mit den Wurzeln gegen die Gegner. Die Feinde wurden vernichtet, und die Narten hatten genug Brennholz für den Winter (ATU 1640 Tapferes Schneiderlein).
Pjachu Ali, ein außergewöhnlich starker junger Mann, beeindruckt die Menschen durch seine Fähigkeiten, darunter das Besiegen eines Löwen mit bloßen Händen. Der König, der von Alis Stärke erfährt, versucht mehrmals, ihn durch gefährliche Aufgaben zu töten: Er schickt ihn auf das Feld der sieben Nartenbrüder, in einen Wald voller wilder Tiere und schließlich zur Schönen, die auf einer eisigen Ebene lebt.
Ali besteht alle Prüfungen mit Mut und Kraft. Die Schöne, beeindruckt von Alis Fähigkeiten, weigert sich, den König zu heiraten, und entscheidet sich für Ali. Gemeinsam kehren sie zurück und ersetzen den König (ATU 650A – starker Hans).
In einem fernen Land lebte ein Khan mit drei Söhnen. Während einer Jagd erblindete der Khan vom Glanz eines blauen Vogels. Er konnte nur geheilt werden, wenn er eine Feder des Vogels erhielte. Die beiden älteren Söhne suchten vergeblich, doch der jüngste Sohn, ein Nart, machte sich entschlossen auf den Weg.
Ein blinder Greis, der ebenfalls durch den blauen Vogel erblindet war, gab ihm den Rat, eine magische Zügel zu finden und ein besonderes Pferd zu wählen, das ihm den Weg zeigen würde. Der Nart befolgte den Rat, bestieg das Pferd und gelangte zu einer Festung. Dort begegnete er einem mächtigen Krieger, der ihn jedoch nicht besiegen konnte, da er ein Nart war.
Das Pferd brachte den Narten zum Himmel, wo der blaue Vogel lebte. Er fing den Vogel, der versprach, ihm zu gehorchen. Zurück auf der Erde verwandelte sich der Vogel in eine wunderschöne Frau. Der Khan wurde geheilt, als der Nart die Frau nach Hause brachte, und der jüngste Sohn heiratete sie (ATU 550 Vogel, Pferd und Königstochter).
ATU = Aarne -Thompson-Uther (Uther: 2004)
EbBo = Eberhard-Boratav (Eberhard: 1953)
1. Eberhard Wolfram und Pertev Naili Boratav (1953): Typen türkischer Volksmärchen. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden.
2. Gippert, Jost (1999): Narten. Enzyklopädie des Märchens. Berlin De Gruyter.
3. Uther, Hans-Jörg (2004): The Types of International Folktales. A Classification and Bibliography. Based on the System of Antti Aarne and Stith Thompson. Helsinki.
4. Далгат, У. Б. (1957): К вопросу о нартском -посе у народов Дагестана. Орджоникидзе.
5. Гадакатль, А. М. (1987): Героический -пос Нарт- адигских (черкеских) народов. Майкоп.
[1] Der Begriff dagestanisches Erzählrepertoire bezeichnet eine eklektische und flächendeckende Sammlung russischsprachiger Texte aus verschiedenen Publikationen. Es kommt häufig vor, dass in diesen Sammelbänden veröffentlichte Texte auf dieselbe Quelle zurückgehen und daher mehrfach aufgeführt werden. Aus diesem Grund sind Messungen einzelner quantitativer Merkmale des Repertoires nur als relative und nicht als absolute Werte zu betrachten. Es wäre beispielsweise unzutreffend zu behaupten, dass im dagestanischen Textkorpus eine konkrete Anzahl von Beispielen der Märchentypen ATU 300 und ATU 301 enthalten ist. Zutreffend wäre hingegen, auf Grundlage dieser Angaben festzustellen, dass ein Typus populärer ist als der andere.
[2] Die in Betracht gezogenen Texte werden durchgehend mit ihrer jeweiligen ID ausgewiesen, wie beispielsweise 'zyx_cr_ava_rus_132'. Das Präfix „zyx_“ zeigt an, dass es sich um einen annotierten Text handelt; Das zweite Segment deutet auf die Lizenzbedingungen hin, „cr_“ steht für die urheberrechtlich geschützte Daten, „cc_“ hingegen für die Open Access Daten. Das dritte Segment beinhaltet die Information über die Herkunft des Werkes, es entspricht der Abkürzung der im ISO 639-3 erfassten Sprache, in diesem Fall „ava_“ = awarisch, das nächste, vierte Segment deutet auf die Sprache der Fassung hin, die Abkürzung folgt demselben ISO 639-3 Standard, nach diesem Beispiel „rus_“ = russisch also handelt es sich um den russischsprachigen Text. Das letzte Segment entspricht der Nummer des Werkes innerhalb der Werke mit awarischer Herkunft.